Erschienen in Ausgabe 01-2025
"Integrität ist intrinsisch!“
Von Tee, Ehrbaren Kaufleuten und Unternehmertum
In der Hittfelder Zentrale werden wir sehr herzlich von dem eloquenten Unternehmer Spethmann empfangen. Zu Beginn erhalten wir eine Einführung in die Kunst der Teeverkostung: Loser Tee versus Teebeutel. Schwarzer Tee, Früchtetee und Kräutertee in unterschiedlichen Farben und Intensitäten. Eine Wissenschaft für sich. Teeexperte Spethmann demonstriert, wie sich das Aroma des Tees im Gaumen am besten entfaltet: mit einem lauten Schlürfen.
Mit ca. acht Milliarden Teebeuteln im Jahr ist die Ostfriesische Teegesellschaft das führende Unternehmen im deutschen Markt und in jedem großen Supermarkt in Deutschland platziert. Ehrenamtlich engagiert sich Jochen Spethmann als Vorsitzender der Versammlung Ehrbarer Kaufleute zu Hamburg e. V.
Herr Spethmann, was bedeutet für Sie Integrität?
Für mich spiegelt sich Integrität in den zentralen Werten unserer Versammlung Ehrbarer Kaufleute: Respekt, Anstand, Haltung und Redlichkeit. Integer ist jemand, der oder die nach klaren ethischen Prinzipien handelt. Selbst, wenn man dadurch persönliche Nachteile hat und auch, wenn niemand zusieht. Ohne Integrität ist ehrbares Verhalten nicht möglich. Integrität ist intrinsisch. Eine innere Haltung. Ehrbarkeit ist extrinsisch. Sie kann einem nur von außen bescheinigt werden. Ob man als hanseatischer Kaufmann oder Kauffrau wahrgenommen wird, können nur andere beurteilen, nicht man selbst.
Wie sind Sie Unternehmer geworden?
Mein Bruder und ich sind Mitte der 80er Jahre in unser Familienunternehmen eingetreten. Mein Vater hat die Firma von seinem Großvater übernommen. Meine Mutter kam in die Firma, weil wir durch eine betrügerische Buchhalterin fast gescheitert wären. Fortan kümmerte sich unsere Mutter sehr erfolgreich um die Finanzen – oder, wie unser Vater zu sagen pflegte –, „Muttern passt auf die Piepen auf“.
Das Geschäftsmodell hat sich vom klassischen Handel zur eigenen Produktion und zur Markenführung entwickelt. Als wir ca. 10 Jahre dabei waren, haben unsere Eltern meinem Bruder, meiner Schwester und mir angeboten, uns das Unternehmen zu verkaufen. Unsere Eltern waren überzeugt, dass man nur ein richtiger Unternehmer wird, wenn man sich selbst auch finanziell stark engagiert. Das hat Sorgen bei unseren jungen Familien ausgelöst, denn wir nahmen dann Kredite für den Kaufpreis auf. Daran haben wir lange abbezahlt. Auch dadurch wurden wir zu Unternehmern.
Was berührt Sie in der Geschichte Ihres Familienunternehmens
am meisten?
Dass wir uns seit 118 Jahren erfolgreich im Markt behaupten. Der wichtigste Grundsatz in unserem Fundament lautet „Menschen machen den Unterschied“. Einerseits die Menschen, die sich entscheiden, für uns und mit uns zu arbeiten, und andererseits unsere Kunden. Wir stehen für eine ganz klare Kundenorientierung.
Unsere bedeutsamen Akquisitionen: 1990 konnten wir Meßmer übernehmen. Mit dieser Markenhistorie haben wir uns große Perspektiven eröffnet und seitdem die Marke erheblich ausgebaut. 2001 haben wir uns an der Nordgetreide für Cerealien beteiligt. 2005 konnten wir mit Fruitwork mit Nüssen und Trockenfrüchten unser Portfolio erweitern. Die gemeinsame Klammer bildet Naturprodukte, deren Vertrieb, Produktion und Qualitätssicherung ähnlich funktionieren.
Wie hat sich das Konsumentenverhalten bei Tee
in den letzten Jahrzehnten verändert?
Tee ist in Deutschland insgesamt ein Wachstumsmarkt. Während der Absatz von Schwarz- und Grüntee eher konstant ist, stammt das Wachstum von Früchte- und Kräutertees. Der psychologische Grundnutzen des Tees, der dort noch stärker wirkt, ist vorrangig Entspannung.
Nachhaltigkeit ist für uns als Unternehmen wichtig, schließlich beziehen wir 200 verschiedene Pflanzen aus 70 verschiedenen Ländern. Unsere Marken Meßmer, Milford, Onno Behrends und Yasahi richten sich mit ihren Produkten an unterschiedliche Zielgruppen, Nachhaltigkeit wird dabei immer mitgedacht. So haben wir z. B. die traditionelle Heftklammer, mit der Beutel und Faden miteinander verbunden wurden, durch ein innovatives Knotensystem ersetzt. Dadurch konnten wir seit dem Jahr 2000 ca. 50 Tonnen Aluminium pro Jahr einsparen. Oder unsere Meßmer Cold Tea Range, die man kalt aufgießen kann. Sie folgt dem Trend zu mehr natürlicher Flüssigkeitsaufnahme in mitgenommenen Flaschen nun auch im Bereich der koffeinfreien Sportgetränke. Auch dadurch entwickelt sich Tee zu einem Ganzjahresprodukt.
Welche Konsequenzen entstehen aus
diesen Veränderungen für Ihr Marketing?
Das Motto ist und bleibt: „Dicht am Markt, den Trends und den langfristigen Entwicklungen.“ Wir betreiben sehr intensiv Marktbeobachtung- und -forschung, um unsere Konsumenten besser zu verstehen. Dies tun wir zunehmend datengetrieben, wobei unser E-Commerce Geschäft hilft. Marketing ist elementar wichtig für unseren Erfolg. Wir setzen konstant auf einen intensiven und runden Marketing-Mix, u. a. aus TV, Social Media und weiteren Elementen. Z. Zt. ist Kai Pflaume für Meßmer sehr aktiv. Wir achten darauf, die Best Ager nicht zu verlieren und gleichzeitig die jüngeren Generationen für uns zu begeistern.
Welche Rolle spielen Eigenmarken bzw.
White Label Produkte für Ihre Gruppe?
Wir haben mit Handelsmarken begonnen und uns dann über unsere eigenen Marken weiterentwickelt. Milford war unsere erste eigene Marke, später kamen die anderen dazu. Handelsmarken begreifen wir nach wie vor als ein strategisches Standbein, auch international. Bei unseren Beteiligungen Nordgetreide und Fruitwork ist das Handelsmarkengeschäft sogar stärker. Unsere Kunden im europäischen Lebensmittelhandel setzen auf ihre eigenen Labels, und wir bieten ihnen dafür einen sehr guten und umfassenden Service sowie passende Angebote. Dabei profitieren sie von unserem großen Know-how, unserer Kompetenz im Produkt und in der Produktion sowie von großer internationaler Marktkenntnis.
Sie engagieren sich ehrenamtlich als Vorsitzender der Versammlung
Ehrbarer Kaufleute in Hamburg. Welche Themen liegen Ihnen dort aktuell besonders am Herzen?
Wichtig ist uns, die Sichtbarkeit der Versammlung zu stärken, indem wir die Kommunikation ausbauen. Wir möchten mehr Mitglieder für unsere Sache gewinnen, vielfältiger werden. Wir wünschen uns auch, dass sich Führungskräfte aus neuen beruflichen Bereichen und unterschiedlichen Herkunftsländern für uns entscheiden. Schließlich sehen wir dem demografischen Wandel ins Auge und bauen daher Zugangsbarrieren ab, um uns zu verjüngen.
Fühlen Sie sich ausreichend politisch unterstützt?
Mir würde es schon reichen, wenn die Politik uns nicht behinderte. Es ist unfassbar, was in den letzten Jahren an neuen Bundes- und EU-Vorschriften auf uns zugekommen ist. Als Personalverantwortliche müssen Sie 670 Gesetze, Richtlinien und Verordnungen kennen, um sich gesetzeskonform zu verhalten. Wer kontrolliert das eigentlich?
„Goldplating“ sollte aufhören. Die EU macht Vorgaben, der Bund und die Länder verschärfen diese jeweils noch. Das dadurch entstehende Mikromanagement ist übergriffig, produziert unnötige Kosten und vergeudet Zeit, die anders besser investiert wäre. Streichen, Straffen und Vereinfachen – das muss die politische Devise werden!
Wenn wir bei „Wünsch Dir Was“ wären, welche Regulatorik,
die Ihr Geschäft bremst, würden Sie am liebsten abschaffen?
Als erstes das praxisfremde Lieferkettensorgfaltspflich-tengesetz. Dann die Prüfung der Nachhaltigkeitsvorgaben durch Wirtschaftsprüfer – ebenso praxisfern. Schließlich das Arbeitszeiterfassungsgesetz. Unternehmen und Arbeitnehmer können gemeinsam selbst entscheiden, dazu brauchen wir nicht den Staat.
Gelingt es Ihnen, ausreichend
qualifiziertes Personal zu gewinnen?
Es war früher leichter, qualifiziertes Personal zu finden. Heute müssen wir deutlich mehr bieten, um jemanden für uns zu gewinnen. Wir haben viel für unsere Führungs- und Arbeitskultur getan, z. B. flexible Arbeitszeitmodelle und ein Mitarbeiterbonusprogramm eingeführt. Unsere Mitarbeiter schätzen unsere ausgezeichnete Kantine, und wir tun viel für die Ausbildung junger Menschen. Aktuell beschäftigen wir deutschlandweit 70 Auszubildende. Wir bieten Bachelor- und Masterarbeiten für Werkstudenten, außerdem Schülerpraktika und nehmen am Zukunftstag teil. Wir beschäftigen eigene Recruiter, die sich sehr bewähren. Es bleibt aber eine Herausforderung, Mitarbeiter für die Produktion zu finden. Insgesamt haben wir den Eindruck, dass wir mit unserem Wertesystem als Familienunternehmen als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen werden.
Wie entstehen bei Ihnen Innovationen?
Wir haben eine eigene Innovationsabteilung. Alle neuen Ideen fließen in einen Trichter, wobei Marktchancen, Machbarkeit und Kundennutzen die Bewertungskriterien sind. Die besten Ideen gehen in die genauere Prüfung. Wir haben interne und externe Panels, in denen neue Ideen getestet werden. Wenn die Tests erfolgreich sind und der Business Case gut ist, werden die Innovationen umgesetzt.
Haben Sie eine Empfehlung für ein gutes Buch?
Sogar drei: Mein Lieblingsbuch ist von Victor E. Frankl: „Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn“. Empfehlen kann ich auch Fredmund Maliks „Führen Leisten Leben“ und Reinhard Sprengers „Mythos Motivation“.
Verraten Sie uns einen Blick in die Zukunft
der Ostfriesischen Teegesellschaft?
Unser wichtigstes Ziel besteht darin, ein unabhängiges Familienunternehmen zu bleiben. Der Slogan der Ostfriesischen Teegesellschaft „OTG geht in Führung, wir sehen mehr in Tee“ zeigt in die Zukunft. Wir erkennen noch viel Potenzial sowohl im Produkt als auch in unseren Zielgruppen. Wir wollen weiter wachsen. Die Familie wird sich weiterhin in die Firma einbringen, und so freuen wir uns, dass mit Sara und Anna Spethmann die nächste Generation schon seit einigen Jahren in der OTG tätig ist. Die nächste Generation ist nah an der Firma dran und sich ihrer Verantwortung, auch für unsere Partner und Mitarbeiter, sehr bewusst.
Vielen Dank für das Interview!
Unternehmen:
Laurens Spethmann Holding
Die LSH produziert und vertreibt mit ihren Tochterunternehmen Tee, Fruchtschnitten, Riegel, Cerealien, Nüsse, Trockenfrüchte und Saaten sowie nachhaltige Verpackungen aus Maisgrieß.
Unter ihrem Dach versammeln sich erfolgreiche Marken mit großer Tradition wie z. B. die Tee-Marken Meßmer, MILFORD, OnnO Behrends und Yasashí.
Sitz:
Seevetl
Gründung:
1907
www.lsh-ag.de