Erschienen in Ausgabe 02-2025
Ein Familienunternehmen auf globalem Kurs
Zu Besuch bei travelite – eine Reise durch 75 Jahre Gepäckgeschichte.
Wer durch das Gewerbegebiet im Hamburger Stadtteil Rahlstedt fährt, ahnt nicht, dass sich hinter der Fassade eines modernen Industriegebäudes einer der führenden Hersteller von Koffern und Reisegepäck in Europa verbirgt: travelite. Seit 75 Jahren steht das Unternehmen für Koffer, Taschen und Rucksäcke – mehr als 2,5 Millionen Gepäckstücke der Marke travelite werden jedes Jahr weltweit vertrieben, darunter allein rund eine Million Koffer.
Im Hamburger Headquarter schlägt das kreative, logistische und unternehmerische Herz: Hier entstehen nicht nur die Ideen für neue Kollektionen, hier sitzen auch alle wichtigen Abteilungen unter einem Dach, darüber hinaus befindet sich hier ein Teil des Lagers – und nicht zuletzt der Showroom mit der gesamten aktuellen Modellpalette.
Bei unserem Besuch treffen wir Oliver Gruber, geschäftsführender Gesellschafter in vierter Generation – charmant, präsent und voller Begeisterung. Zuerst führt er uns durch das Hochregallager. Rund 4.500 Palettenstellplätze stehen am Standort zur Verfügung – ein kleiner, aber zentraler Teil der bundesweit rund 25.000 Stellplätze, auf denen insgesamt etwa 250.000 Gepäckstücke lagern.
„Koffer brauchen leider sehr viel Platz“, sagt Gruber mit einem
Schmunzeln, während wir zwischen den Regalreihen stehen.
Umgeben von geschäftigem Treiben, Staplerverkehr und Konfektionierungsarbeiten bekommen wir einen ersten Eindruck vom agilen Unternehmen. Danach geht es hinüber in den Showroom. Hier zeigt sich die ganze Vielfalt der travelite- und TITAN-Kollektionen: Weichgepäck, Hartschalenkoffer, Aluminiumtrolleys, Rucksäcke und Businesstaschen. Design und Funktion gehen bei allen Stücken Hand in Hand. „Neben der Verarbeitung muss auch das Material höchsten Ansprüchen genügen, gut aussehen und sich gut anfühlen“, erklärt Oliver Gruber. Perfekt ausgeleuchtet stehen verschiedene Koffer und Taschen auf einzelnen Regalböden, jede Rolle zur Präsentation akkurat ausgerichtet. Koffer und Taschen in allen Farben und Formaten. „Auch wenn farbige Koffer grundsätzlich immer gewünscht sind – am Ende entscheiden sich die Kunden überwiegend für Schwarz“, erfahren wir. Obwohl die Farbwahl in den letzten Jahrzehnten eher klassisch geblieben ist, hat sich das Reiseverhalten – und damit auch die Anforderungen an Gepäckstücke – im Laufe der Zeit deutlich gewandelt.
„Unsere Geschichte begann mit Einkaufstaschen aus Polyethylen“, erzählt Gruber. Heute beliefert das Unternehmen über 1.500 Fachhändler weltweit und ist mit seinen beiden klar positionierten Marken breit aufgestellt:
travelite steht für hochwertige Qualität zu fairen Preisen, TITAN bedient das Premiumsegment und wird im eigenen Werk in Bayern gefertigt.
Besonders erfolgreich ist die Aluminium-Serie „Next“, die 2019 als erster bezahlbarer Alu-Koffer in den Markt eingeführt wurde – ein mutiger Schritt, der sich ausgezahlt hat. Noch heute zählt die Kollektion zu den Bestsellern des Hauses.
Das Unternehmen wurde 1949 von der Familie Winkler als Gerhard Winkler & Co. Taschenfabrik gegründet. Nach der Hochzeit von Gisela Winkler und Christian Nannen stieg dieser in das Familienunternehmen ein. Seitdem prägt die Familie Nannen das Unternehmen maßgeblich – heute in dritter Generation mit Jan-Oliver Nannen in der Geschäftsführung. Oliver Gruber ist seit 2020 an Bord und seit 2024 gemeinsam mit seinem Vater Alfred Gruber und Jan-Oliver Nannen Teil der Geschäftsleitung. Alfred Gruber, seit 2002 im Unternehmen, war zunächst Vertriebsleiter und wurde dann Geschäftsführer und Gesellschafter. Gemeinsam bilden beide Familien heute ein eingespieltes Führungsteam.
Alfred Gruber selbst ist nach wie vor mit vollem Einsatz dabei. Woche für Woche pendelt er zwischen dem Unternehmenssitz in Hamburg und dem Produktionsstandort in Bayern.
„Mein Vater ist ein Vertriebler durch und durch“, sagt Oliver Gruber mit einem Lächeln.
„Er liebt es, unterwegs zu sein, ins Gespräch zu kommen, Menschen kennenzulernen.“ Auf seinen Reisen trifft er regelmäßig auf andere Pendler – und manche dieser Begegnungen entwickeln sich zu echten Bekanntschaften. „Er hat eine natürliche Aufgeschlossenheit, die Türen öffnet. Und so kommt es nicht selten vor, dass er neuen Kontakten später auch unser Unternehmen zeigt – mit all dem, was uns ausmacht.“
Der Einstieg von Oliver Gruber fiel mitten in die Corona-Zeit – eine denkbar turbulente Phase, besonders für die Tourismus- und Reisebranche. Doch er sagt rückblickend: „Ich habe in dieser Zeit so viel gelernt, wie ich es sonst vermutlich in zehn Jahren nicht gelernt hätte.“ Lieferketten mussten neu gedacht, Vertriebsstrategien angepasst und Mitarbeiter unterstützt werden. Eine intensive Zeit.
Die Produktentwicklung neuer Modelle ist eng mit den Anforderungen des Marktes verknüpft. Jede neue Serie braucht rund anderthalb Jahre von der ersten Skizze bis zur Auslieferung. „Ein guter Koffer muss heute nicht nur stabil und leicht sein – er muss auch gut aussehen und aktuellen Größenanforderungen entsprechen“, erklärt Gruber. Jedes Detail wird intensiv geprüft: von Griffen über Materialien bis zu den Rollen. Letztere sind buchstäblich der Dreh- und Angelpunkt: „Koffer mit zwei Rollen produzieren wir längst nicht mehr. Vier Rollen sind Standard – sie machen das Reisen deutlich komfortabler.“ Neben Ergonomie und Funktionalität wird auch auf Gewicht, Lautstärke beim Rollen und Materialien geachtet.
„Wir testen jedes Modell auf Herz und Nieren – und simulieren alle erdenklichen Beanspruchungen“, fügt Gruber hinzu. Denn was im Showroom gut aussieht, muss auf Bahnhöfen, Flughäfen und Pflastersteinen bestehen.
Und ein praktischer Tipp folgt direkt: Koffer sollten niemals am Gestänge getragen werden. „Das ist einer der häufigsten Reparaturgründe“, sagt Gruber und lacht. „Am besten immer an der vorgesehenen Griffstelle anfassen – dann hält der Koffer auch das, was wir versprechen.“ Doch neben durchdachter Produktentwicklung ist auch ein starker Vertrieb entscheidend für den Erfolg. In Deutschland ist travelite bereits bestens positioniert, daher liegt der Fokus zunehmend auf der Internationalisierung. Länder wie Spanien, Italien, Frankreich, Japan und China rücken stärker in den Blick. Dafür wurden neue Vertriebsstrukturen geschaffen und Händlernetzwerke aufgebaut.
Ein Highlight der aktuellen Kollektion ist die Zusammenarbeit mit BARBARA, der Marke von Barbara Schöneberger. Die Serie wurde gemeinsam mit der bekannten Moderatorin entwickelt und hat sich direkt als Topseller etabliert. „Wir sind nicht nur stolz auf die Produkte, sondern auch auf die Zusammenarbeit. Das ganze Projekt macht große Freude“, erzählt Gruber. Auch diese Produktserie wird im Showroom präsentiert. Bei ihrer Entwicklung waren nicht nur die Materialien wichtig, sondern insbesondere die Organisation der einzelnen Fächer – perfekt angepasst an die jeweiligen Bedürfnisse. So findet alles seinen Platz – und das an der richtigen Stelle.
Auch im Sport sind travelite und TITAN aktiv – als Ausstatter mehrerer Bundesliga-Clubs. Borussia Dortmund setzt auf TITAN, Wolfsburg und Augsburg auf travelite.
„Der Sport ist für uns ein wichtiges Schaufenster“, erklärt Gruber. „Proficlubs legen großen Wert auf Qualität und Funktion – das passt hervorragend zu unserem Anspruch.“ Und ein neues Kapitel steht bereits in den Startlöchern: travelite wird Partner der NFL.
„Hierfür haben wir lange verhandelt. American Football gewinnt in Europa immer mehr Fans, da wollen wir natürlich ganz vorn mit dabei sein“, so Gruber. Erste Produkte und gemeinsame Kampagnen werden im Frühjahr 2026 gelauncht.
Ein Koffer wird in der Regel alle sieben bis acht Jahre ersetzt – entsprechend lang sind die Produktzyklen.
Umso wichtiger ist es, kontinuierlich neue Zielgruppen zu erschließen und die Marken regelmäßig neu aufzuladen. „Wir sind darauf angewiesen, unseren Kundenkreis immer weiter zu vergrößern – in alle Richtungen und über alle Preissegmente hinweg“, erläutert Oliver Gruber. Neben einer breiten Produktpalette spielt dabei vor allem der gezielte Ausbau des internationalen Marktes eine zentrale Rolle – mit neuen Vertriebspartnern in Europa und Asien, strategischen Kooperationen und lokal angepassten Sortimenten.
Im Gespräch kommen wir schließlich auch auf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Deutschland zu sprechen.
Während viele Unternehmer über lähmende Bürokratie und ausufernde Regularien klagen, bleibt Gruber pragmatisch: „Wir haben auch viele bürokratische Hürden, aber das sind nun mal die Rahmenbedingungen. Uns hält das nicht davon ab, weiter zu wachsen und neue Produkte zu entwickeln.“
Ein Satz, der viel über die Unternehmenskultur bei travelite verrät: Nicht jammern, machen. Nicht über Umstände klagen, sondern gestalten.
Diese Haltung zeigt sich auch in geplanten Neuerungen: So soll bald ein eigener Onlineshop für Ersatzteile an den Start gehen, sodass Kunden kleinere Reparaturen selbst übernehmen können und die Hilfe des Service-Teams nur noch bei größeren Schäden benötigen. „Vorteilhaft für alle: Wir reduzieren das Reparaturaufkommen, und unsere Kunden sparen Zeit, Nerven und Verpackungsmaterial.“
Nach unserem Einblick in das Unternehmen sehen wir die Welt mit anderen Augen. Als wir auf dem Weg zurück ins Büro an einer Touristengruppe vorbeigehen, fällt unser Blick automatisch auf das Gepäck: Sieben Koffer, fünf davon von travelite. Ein stiller, starker Beweis dafür, wie ein Familienunternehmen auf kleinen Rollen die große Welt des Reisegepäcks erobert.