Erschienen in Ausgabe 03-2025
HYROX-Training, der neue Trendsport
Wie drei Hamburger eine weltweite Fitnessbewegung starteten
Die Story von Hyrox ist mehr als nur ein Start-up-Erfolg. Sie ist ein Lehrbuchbeispiel für unternehmerische Ausdauer. Und für den Mut, Fitness neu zu denken.
Einer der Gründer, Ex-Hockey-Olympiasieger Moritz Fürste, erzählt, wie aus einer Idee ein globales Sportformat wurde. Eines, das von Null auf über eine Million Teilnehmer schnellte – und das mit einem Sport, den es zuvor nicht gab.
Frühjahr 2017, Hamburg. Moritz Fürste sitzt mit Michael Trautmann und Christian Tötzke zusammen. Drei Typen, drei Hintergründe – Agentur, Eventbusiness, Profisport. Alle drei hatten sie für die Hamburger Olympia-Bewerbung gebrannt und gearbeitet. „Als Agentur die Heimatstadt bei der Olympia-Ausrichtung international zu begleiten, wäre ein Traumjob für mich gewesen und ein riesiger Etat, ein echtes Feuerwerk – und dann kam das ‚Nein‘ beim Referendum“, erzählt Fürste. Doch die Chemie der Typen stimmte. Und so entstand eine dieser Ideen, die im Rückblick selbstverständlich erscheinen: ein Wettkampfformat, das die Lücke zwischen funktionalem Training und Massensport füllt.
Der erste Name war Curox. Der musste schnell weichen, ein Markenstreit drohte. Der neue Name? „Ganz langweilig, ehrlich: Wir wollten das -rox behalten, haben auf die Tastatur geguckt – und Hyrox klang einfach stark“, sagt Fürste. Auch wenn er selbst schon mehrfach klargestellt habe, dass es kein Akronym ist, brodeln immer noch viele Gerüchte darum, wofür diese Buchstaben stehen. Jedenfalls für Erfolg, denn heute ist Hyrox ein globaler Brand.
Messehalle statt Testevent
Wer groß denkt, muss auch groß starten: Bereits im November 2017 mietete das Team nicht etwa eine Turnhalle – sondern die größte Hamburger Messehalle. Kein Testlauf, kein Minimum Viable Product, sondern All-In! 650 Teilnehmer kamen zum ersten Event. „Es war damals schon eines der größten Fitness-Events weltweit“, so Fürste. Das Konzept: acht Kilometer Laufstrecke, unterbrochen von acht funktionellen Workouts. Von Rudern über Schlittenziehen bis Wall Balls. Immer dieselbe Reihenfolge, überall auf der Welt. Das Ziel: einen neuen Sport etablieren – kein Trend, sondern eine Plattform.
Fitness wird zum Format
Früher hieß es „Trimm-Dich-Pfad“ oder gar „Zirkeltraining“. Heute heißt es Hyrox. Der entscheidende Unterschied zu klassischen Hindernisläufen oder Marathons? Hyrox ist kein Bucketlist-Event, das man einmal abhakt. Es ist ein Event, ein Plattform-Sport, eine Community. „Unsere Leute machen im Schnitt fünf Rennen pro Saison“, erklärt Fürste. Und diese Community wächst rasant: Von 65.000 Teilnehmern 2021 auf über eine Million für 2025.
Mit dem Wachstum kam auch die Professionalisierung. Heute umfasst Hyrox 15 Gesellschaften, Büros auf drei Kontinenten und 200 festangestellte Mitarbeiter, davon 50 in Hamburg – dazu bis zu 1.000 lokale Helfer pro Event. Die Logistik gleicht einer Tournee-Produktion: 13 Trucks pro Event, 110 Events weltweit.
Vom Event zur Plattform
Aus dem „One-Fit-Pony“ wurde ein ganzes Ökosystem. 8.500 Partner-Gyms weltweit zahlen Lizenzgebühren, um Hyrox-Kurse anzubieten. Über 1.000 zertifizierte Coaches trainieren Athleten – viele davon bauen ihr eigenes Business auf der Marke auf. „Das war nie generalstabsmäßig geplant. Vieles war Trial and Error“, sagt Fürste. Aber genau das macht die Stärke des Konzepts aus: „Wir haben irgendwann gemerkt: Wir sind kein Fitness-Event. Wir sind der Sport.“
Und Hyrox funktioniert global: „Ob Delhi, New York oder Abu Dhabi – wenn du die Halle zumachst, erkennst du keinen Unterschied.“ Fürste ist stolz auf die Markenkonsistenz: gleiche Preise, gleiche Abläufe, gleiche Energie. Die Events sind ausverkauft – in London gingen zuletzt 32.000 Tickets in neun Minuten weg.
Der Trumpf: Community im Gym
Was Hyrox klüger macht als viele Wettbewerber: Die Community wächst nicht auf Instagram, sondern im Gym. Das Zielpublikum ist direkt vor Ort. „Ein besonders cleverer Schachzug war die Vermarktung über die Gyms selbst. Am Anfang bin ich mit meiner 2-jährigen Tochter samstags durch Hamburg gefahren, habe Flyer verteilt und den Studios das Konzept erklärt“, erinnert sich Fürste. Heute ist das Geschäftsmodell umgekehrt: Die Fitnessstudios zahlen Hyrox dafür, dass sie Trainings anbieten dürfen – und werden gleichzeitig zu Marketing-Partnern und Teil der Bewegung. „Die Gyms sind unser stärkster Kanal. Kein Streuverlust, kein Werbebudget – nur echtes Community-Building.“ Aus anonymen Studios werden Clubs mit Shirts, Teamnamen und Analyse-Runden nach dem Rennen. „Das ist ein kompletter Gamechanger für die Fitnessbranche.“
Und nicht nur das: „Viele Studios entwickeln sich zu echten Clubs. Sie treten gemeinsam als Team auf, trainieren zusammen, analysieren ihre Rennen. So wird aus dem Gym ein sozialer Ort – das gab es vorher kaum.“ Fürste glaubt, dass Hyrox die Fitnesslandschaft nachhaltig verändern wird. „Das ist der smarteste Teil unseres Modells.“
Nicht nur Community und Challenge,
sondern auch noch gesund
Was den Sport zusätzlich auszeichnet, ist seine körperliche Ausgewogenheit. „Wenn du irgendjemanden fragst, was das gesündeste Training ist, dann sagen alle: eine Mischung aus Ausdauer, Kraft und Mobilität“, erklärt Fürste. Genau das sei Hyrox. Keine einseitigen Belastungen, sondern natürliche Bewegungsmuster wie Ziehen, Schieben, Tragen oder Laufen. „Es gibt kaum eine Sportart, die so vielseitig und gleichzeitig so verletzungsarm trainiert werden kann.“ Das Konzept wurde bewusst so entwickelt, dass auch Anfänger oder Menschen mit körperlichen Einschränkungen teilnehmen können – ohne das Gefühl, auszuscheiden.
Ausdauer, auch wenn’s nicht läuft
Natürlich war nicht alles ein Selbstläufer. Im Dezember 2019 holte Hyrox mit Infront einen Investor an Bord. Drei Monate später: Corona. Events verboten. Business auf null. „Nenn es Ausdauer oder Resilienz – du brauchst als Gründer diesen fast irrationalen Glauben an dein Produkt“, sagt Fürste. Heute liegt der Umsatz bei über 130 Millionen Euro.
„Uns gehört eigentlich nichts“ sagt Fürste mit einem schelmischen Lächeln. Nicht nur die aufwändige Logistik sei outgesourced. Man sei „sehr asset-unheavy unterwegs“. Auch hierfür fehlt das deutsche Wort. Man ist auch Denglisch unterwegs.
Die langfristige Vision? Olympia. „Wir arbeiten daran, Hyrox als legitime Sportart mit globalem Verband anzumelden.“ Ob das klappt? Noch offen. Aber die Richtung ist klar. „Am Ende ist alles produktabhängig“, sagt Fürste. „Ein gutes Produkt setzt sich durch – früher oder später. Die Frage ist nur, mit wem.“
Wie sehr Hyrox zur Identität seines Mitgründers geworden ist, zeigt eine kleine, persönliche Geschichte: Moritz Fürste trägt das Hyrox-Logo als Tattoo auf dem Oberarm. „Nein, wir haben keine Yellowstone-Logik – niemand muss sich das Branding einbrennen lassen“, lacht er. „Aber für mich war klar: Wenn ich All-In gehe, dann richtig.“ Fürste hat selbst investiert und sich Geld geliehen, um erneut zu investieren. Bloß nicht verwässern lassen. Heute ist er nicht nur Mitgründer – sondern er könnte sich vermutlich den Schriftzug auch mit dem in ihm lodernden Feuer für sein Unternehmen überall einbrennen. So ist er Fan, Teilnehmer und Markenbotschafter seines eigenen Sports.
„Christian und ich sind sehr heimatverbunden, daher sitzt die Firma hier und nicht an einem Ort, der steuerlich vorteilhafter ist. Es macht uns stolz, dass wir das Thema aus Hamburg aufbauen. Zu Beginn haben wir formuliert, dass wir die erste Sport-Fitness-Bewegung sein wollen, die aus Europa nach Amerika schwappt und nicht andersherum.“
Hyrox ist jetzt schon mehr als ein Hype und eine Sport-Fitness-Bewegung, die in die ganze Welt schwappt – es ist auch ein Beispiel für smarte Skalierung. Für strategisches Denken im Underdog-Kostüm.
„Die meisten Gründerstories sind kein linearer Aufstieg“, sagt Fürste. „Du musst auf die Fresse fallen, wieder aufstehen – und an die Sache glauben.“ Hyrox ist der Beweis, dass genau das funktionieren kann. Und dass unternehmerische Ausdauer oft beginnt, bevor andere überhaupt wissen, dass es ein Rennen gibt.