Erschienen in Ausgabe 04-2025
Vom Lehr- in den Familienbetrieb
Wie Julia Wogart Nachfolgerin bei KANZOW wurde
Ob Zander, Hummer, Sepia oder Superfreeze-Produkte – bei KANZOW dreht sich alles um den Import von Meeresköstlichkeiten – seit 1890. Geschäftsführerin Julia Wogart empfing den HAMBURGER UNTERNEHMER in ihrem Firmensitz in Altenwerder – zwischen Hochregalen voller Tiefkühlfisch und Krustentieren.
Ob Zander, Hummer, Sepia oder Superfreeze-Produkte – bei KANZOW dreht sich alles um den Import von Meeresköstlichkeiten – seit 1890. Geschäftsführerin Julia Wogart empfing den HAMBURGER UNTERNEHMER in ihrem Firmensitz in Altenwerder – zwischen Hochregalen voller Tiefkühlfisch und Krustentieren.
Julia Wogart hatte einen klaren Lebensplan:
Lehramtsstudium für Geschichte, Französisch und Aufbaustudium Kriminologie, Familie und Arbeit als Lehrerin. Als Jüngste von drei Unternehmertöchtern kam für sie eine Unternehmensnachfolge zunächst nicht in Betracht. Doch als die eigentlich geplante Nachfolge für ihren Vater Dirk Wogart platzte, trat sie vor zehn Jahren ins Familienunternehmen ein. Aus einem anfänglichen “Reinschnuppern” wurde sie schließlich zur geschäftsführenden Gesellschafterin.
Was ist das Geschäftsmodell von Rud. Kanzow?
Wir sind Importeur und Händler von Tiefkühl-Seafood. Unser Wettbewerbsvorteil ist eine hohe Verfügbarkeit von Ware. Dafür unterhalten wir ein großes Kühllager mit 4.300 Paletten-Stellplätzen. Die Devise meines Vaters war „If it swims, we have it“, heute selektieren wir stärker. Wir importieren Seafood aus aktuell 17 Ländern und beliefern europaweit den Großhandel, Industrie, Kreuzfahrschiffe, den LEH und große Caterer.
Wie bist du Unternehmerin geworden?
Durch einen Zufall. Mein Vater hat die Firma in dritter Generation bis zu seinem Tod vor zwei Jahren geleitet. Die alten Recken tun sich ja nicht so leicht loszulassen. Er war ein klassischer Patriarch mit einem großen Herz. Für ihn war die Vorstellung, zuhause zu bleiben, der absolute Horror. Eigentlich sollte mein Ex-Mann meinem Vater nachfolgen. Nach unserer Trennung bin ich erst mit meiner Schwester gemeinsam ins Unternehmen gekommen. Am Anfang habe ich am Empfang gesessen und Etiketten gedruckt. Dann habe ich mich ins Qualitätsmanagement und in die Finanzen eingearbeitet und 2018 auch die Geschäftsführung übernommen. Ich habe viel von meinem Vater gelernt. Jede neue Generation hat aber natürlich auch eigene Ideen für notwendige Veränderungen, die wir jetzt nachholen. Seit ich ins Unternehmen gekommen bin, war ja eigentlich immer Krise. Corona, explodierende Energiekosten durch den Ukrainekrieg, Trump mit seiner Zollpolitik, der volatile Dollar. Es macht mir auch unter schweren Bedingungen riesigen Spaß zu gestalten. Und unser großartiges Team hat mich sehr gut aufgenommen.
Du bist die Jüngste von drei Schwestern. Wie seid ihr zu der Entscheidung gekommen, dass du die Firma leiten sollst?
Das war ein längerer Prozess. Die Gesellschaftsanteile haben wir zu gleichen Teilen geerbt. Meine älteste Schwester hatte einen anderen Lebensplan, unsere mittlere Schwester hat zuerst mitgearbeitet und sich dann aber entschieden, wieder auszuscheiden. Wir sind heute als Geschwister in der Gesellschafterversammlung ein tolles Team und ziehen an einem Strang. Ich habe gelernt, dass klare Kommunikation sehr wichtig ist. Wir haben in einem extern begleiteten Coachingprozess unsere Rollen definiert. Der „Elefant im Raum“ muss immer raus. D.h. wenn es ein Problem gibt, darf es nicht totgeschwiegen werden, sondern es muss offen angesprochen und gelöst werden. Das ist uns gut gelungen, darauf sind wir sehr stolz.
Was waren die wichtigsten Meilensteine in eurer Firmengeschichte?
1890 hat Rudolf Kanzow die Firma als Heringshandel gegründet. Ein krisensicheres Produkt. Dann hat er tiefgefrorenen norwegischen Angelschellfisch nach Deutschland gebracht. Das war neu, hat aber nicht gut funktioniert. Anschließend kam Lachs aus den USA in Konserven oder Salzlake. Die Firma hat den ersten und zweiten Weltkrieg überstanden, Rudolf Kanzow starb. Mein Großvater war ein Freund von Rudolf Kanzow. Er ist mit vier Kindern am Ende des zweiten Weltkrieges aus Danzig geflohen. Da Rudolf Kanzow keine Kinder hatte, hat er die Firma 1946 an meinen Großvater übergeben. Mein Vater war der Einzige, der sich für die Firma interessierte und hat sie von meinem Großvater übernommen. Er ist um die Welt gereist und hat Handelsbeziehungen aufgebaut. Er hat frühzeitig den Trend erkannt und alle Prozesse auf Tiefkühlprodukte ausgerichtet. Die heutigen Fortschritte in der Schockfrostung sorgen dafür, dass Geschmack, Textur und Nährstoffe optimal erhalten bleiben, wodurch TK-Fisch kaum noch von Frischware zu unterscheiden ist.
Wie hat sich der Fischgeschmack der Kunden in den letzten Jahrzehnten verändert?
Der Fischgeschmack der Verbraucher hat sich stark verändert. Für viele ist Fisch nicht nur ein Grundnahrungsmittel, sondern eine vielseitige und moderne Proteinquelle. Konsumenten bevorzugen heute eine größere Vielfalt – vom Lachs bis zu exotischeren Sorten wie Dorade, Thunfisch oder Garnelen. Gleichzeitig hat sich auch die Art des Genusses verändert. Fisch wird zunehmend als Teil einer global inspirierten Küche wahrgenommen. Sushi, Poké Bowls oder leichte mediterrane Gerichte prägen die Speisekarten vieler Länder. Wir beobachten eine Öffnung der Konsumenten für neue Geschmacksprofile und Texturen. Auch Nachhaltigkeit und Transparenz haben sich von Nischenthemen zu festen Kaufkriterien entwickelt.
Wie unterscheiden sich die Geschmäcker der Kunden in Bezug auf Fisch in unterschiedlichen Kulturen?
Wir erleben eine zunehmende Verschmelzung internationaler Esskulturen. Viele Verbraucher eint der Wunsch nach praktischen, schnell zubereitbaren Produkten. Ein spannendes Beispiel für kulturell geprägte Vorlieben liefert ein Vergleich zwischen Skandinavien und Japan. Beide Regionen schätzen rohen oder nur leicht verarbeiteten Fisch, verfolgen dabei aber unterschiedliche Motive. In Japan stehen Reinheit, Textur und Ästhetik im Mittelpunkt, während in Skandinavien die traditionelle Haltbarmachung durch Beizen oder Räuchern dominiert. Aus diesen Wurzeln sind kulinarische Leitbilder entstanden, die heute die weltweiten Trends zu Sushi, Poké Bowls oder nordische Ceviche prägen.
Worin liegen aktuell eure wichtigsten Herausforderungen?
Wir sind in Europa auf Importe von Fisch angewiesen, da wir nur ca. 40 % der Nachfrage selbst decken können. Die EU baut aber immer mehr Handelsbarrieren auf, die unsere Arbeit erschweren. Das Lieferkettengesetz, die Fischereikontrollverordnung sowie die Entwaldungsverordnung verpflichten uns, u. a. detailliert zurückzuverfolgen und zu dokumentieren, woher unsere Ware kommt. Das geht so weit, dass wir sogar die Namen der Kapitäne der Schiffe angeben müssen, mit denen unser Fisch gefangen wurde. Das sind große Datenmengen, die auch die Produzenten vor immer größere Herausforderungen stellen. Einige Produzenten liefern schon nicht mehr in die EU, sondern bevorzugen Regionen, die nicht so strenge Auflagen haben. Die Entwicklung der Strompreise und auch der Frachtraten sind für uns sehr relevant. Ebenso die Finanzierungsthemen. Die Zeit zwischen Bestellungen bei unseren Lieferanten und dem Eintreffen der Ware kann drei Monate dauern. Unsere Kunden haben zusätzliche Zahlungsziele von 30 bis 60 Tagen, sodass wir viel in Vorleistung gehen müssen. Und manchmal ist ein gewisser Grad an Überraschungen dabei, in welchem Zustand Ware ankommt. Es kann so viel passieren; zum Glück passiert es selten.
Wo siehst du Wachstumspotenzial für eure Firma?
Ich sehe Potenzial im Ausbau unserer Marken im Lebensmittel-Einzelhandel, im Premiumsegment sowie bei exotischen Fischen.
Bildet ihr aus?
Ja. Derzeit bilden wir drei junge Menschen zu Kaufleuten im Groß- und Außenhandelsmanagement mit der Fachrichtung Außenhandel aus. Wir sind sehr stolz darauf, unseren Nachwuchs selbst auszubilden.
Hast du eine Empfehlung für ein gutes Buch?
Es gibt wunderbare Bücher mit „Fischtiteln“, wie z. B. „Der Gesang der Flusskrebse“ von Delia Owens. Privat kann ich „Die Geschichte des Klangs“ von Ben Shattuck sehr empfehlen. Ein wunderschönes Buch über die eigentliche Liebe des Lebens.
Verrätst du uns einen Blick in die Zukunft?
Wir modernisieren das Unternehmen konsequent und sichern seine Zukunftsfähigkeit. Und dann werden wir es an die nächste Generation übergeben. Man muss ehrlich zu sich selbst sein. Ich mache mir Fünf- und Zehnjahrespläne. Loszulassen wird die größte Aufgabe sein, die ich mir aber gut zutraue. Die Tochter meiner Schwester ist bereits im Unternehmen fest verankert. Und der Sohn meiner anderen Schwester war auch bereits bei uns. Unsere Firma bleibt eine familiäre Herzensangelegenheit.
Vielen Dank für das Interview!
Info:
Firma Rud. Kanzow GmbH & Co KG
Schwerpunkt:
Import von Seafood,
Tiefkühllager mit 1.800 qm,
Superfreezer
(-60 Grad) 114 qm
Gründung:
1890
Mitarbeiter:
36
Sitz:
Hamburg
www.kanzow.de